Das Ende jüdischen Lebens im Jemen – Teil 1/3

Der moderne Antisemitismus ist seit Mitte des zwanzigsten Jahrhundert ein untrennbarer Bestandteil der islamischen Welt. Anhand der Entwicklung im Jemen lässt sich die Übernahme der antisemitischen Ideologie aus dem Westen verdeutlichen. Der vorliegende Text soll die Hintergründe dieser Übernahme untersuchen. Erster Teil über die Lage im Jemen Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Der zweite Teil ist über die Hintergründe des islamischen Antisemitismus, der dritte Teil untersucht die antisemitischen Ausschreitungen im Jemen. Die beiden weiteren Teile werden im Abstand von einer Woche veröffentlicht.

Der Jemen hat eine lange Geschichte von Fremdherrschaft, die bis weit in die Neuzeit hinein reicht. Im Jahr 1839 wurde die Stadt Aden und das südöstliche Gebiet des Jemen von den Briten besetzt und das britische Protektorat Aden gegründet. Wenige Jahre später, 1872, begann die Zurückeroberung des nördlichen Jemens und der Stadt Sanaa durch das osmanische Reich. Der Jemen teilte sich schon zu dieser Zeit in einen nördlichen und einen südlichen Teil, mit seinen jeweiligen Autoritäten. Im Norden wurde die osmanische Besatzung weitestgehend von der jemenitischen Bevölkerung abgelehnt und bis zur formalen Unabhängigkeit des nördlichen Jemens 1918 immer wieder versucht sie aus dem Jemen zu vertreiben. Dort herrschten die Zaydī, eine alte schiitische Herrscherdynastie, deren oberster Führer der Imam war. Das im Süden gelegene britische Protektorat Aden bestand aus der Hafenstadt Aden und vielen Kleinstaaten, die von Sultanen und Scheichs angeführt wurden, die auf vertraglicher Basis mit den Briten in Beziehung standen. Sie waren meist Šāfi‘ī, eine sunnitische Sekte, die als Opposition zum schiitischen Regime der Zaydī auftrat. Die Briten pflegten eine freundschaftliche Beziehung zu den Stammesführern und eine Politik des Nicht-Einmischens, was ihnen ihre weitestgehende Unterstützung zusicherte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Jemen ein stark unterentwickeltes und verarmtes Land, das teilweise noch unter feudalen Bedingungen wirtschaftete, größtenteils in landwirtschaftlichem Zusammenhang. In den 1920ern wandelte sich die jemenitische Gesellschaft zunehmend durch die Integration neuer Technologien und der Alltag wurde mehr und mehr nach westlichem Vorbild gestaltet. Auch die jemenitischen Juden, zumindest die aus den größeren Städten, waren an den Modernisierungsprozessen beteiligt und wohl kaum die zurückgebliebenen Juden aus biblischen Zeiten, als die sie öfters dargestellt wurden und werden.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man die Zahl der im Jemen lebenden Juden auf etwa 40 bis 50 Tausend schätzen. Die Qualität jüdischen Lebens war in erster Linie von den politischen Machthabern abhängig. Die besonderen Regelungen und Bestimmungen der ḏimma, welche Juden und andere religiöse Gruppen zu Schutzbefohlenen machte, galten insbesondere für die im nördlichen, zayditisch regierten Jemen lebenden Juden. Ihnen wurden neben der üblichen Kopfsteuer (ǧizya) auch andere diskriminierende Vorschriften auferlegt, wie das Tragen gesonderter Kleidung, dem Verbot Waffen zu tragen, oder die Zwangskonversion von Waisen. Die im Süden lebenden Juden hatten eine weit bessere Lebensqualität, als die Juden, die unter der Herrschaft des zayditischen Imams lebten. Im Süden hatten die lokalen Stammesherren den Schutzauftrag und je nach Belieben der Herren mussten die Juden häufig weniger bis gar keine ǧizya bezahlen. Der Schutzauftrag der Stammesherren war eine ernst genommene Aufgabe. Wer einen Juden ermordete, konnte für die Ehrverletzung selbst hingerichtet werden. Es lässt sich sagen, dass jüdisches Leben, im Rahmen ihrer generellen Inferiorität, relativ sicher war. Dies war auch größtenteils der britischen Besatzung zu verdanken, welche die ḏimma, mittels gleicher Rechte vor dem Gesetz, teilweise überflüssig machten. Die Juden hatten im jemenitischen Alltag eine große Bedeutung und führten wichtige Handels- und Handwerksarbeiten aus, dominierten diese sogar teilweise. Sie waren auch als Staatsdiener, politische und rechtliche Berater, Mediziner und Heiler tätig. Der Orientalist Reuben Ahroni beschreibt die jüdisch-muslimische Koexistenz folgendermaßen: „All in all, the relations between Jews and Muslims in southern Arabia were relatively congenial, even symbiotic.1. Dieser Beschreibung sollte jedoch mit Vorsicht begegnet werden, da Juden als keine vollwertigen Mitglieder der Gemeinschaft galten und keine eigenen Rechte besaßen. Ihr Wohlergehen hing grundlegend mit ihrer Unterlegenheit den Muslimen gegenüber zusammen und von der Willkür ihrer muslimischen Herren ab.

Literatur:

Ahroni, Reuben: The Jews of the British Crown Colony of Aden – History, Culture, and Ethnic Relations. E.J. Brill, Leiden (Netherlands) 1994.
Dresch, Paul: A History of Modern Yemen. Cambridge University Press, Cambridge 2000.
Hinchcliffe, Peter/Ducker, John T./Holt, Maria: Without Glory in Arabia – The British Retreat from Aden. I. B. Tauris, London 2006.
Parfitt, Tudor: The Road to Redemption – The Jews of the Yemen 1900-1950. E.J. Brill, Leiden (Netherlands) 1996.
Meissner, Renate: Die südjemenitischen Juden – Versuch einer Rekonstruktion ihrer traditionellen Kultur vor dem Exodus. Europäische Hochschulschriften: Reihe 19/B, Bd. 53, Ethnologie, Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1999.
Milton-Edwards, Beverley: Contemporary Politics in the Middle East, Polity Press, Cambridge 2000.
Kuehn, Thomas: Empire, Islam, and Politics of Difference – Ottoman rule in Yemen, 1849 – 1919. Koninklijke Brill NV, Leiden (Netherlands) 2011.

  1. Ahroni, Reuben: The Jews of the British Crown Colony of Aden – History, Culture, and Ethnic Relations. E.J. Brill, Leiden (Netherlands) 1994, S. 198. [zurück]