Textediebstal

Franz Schandl in seiner reißerischen Polemik1 im Jahre 2001 fast prophetisch:

Wurde in der Arbeiterbewegungslinken der krude Standpunkt der Arbeit eingenommen, so wird hier die Position des Tauschs bezogen. So als sei die Zirkulation besser als die Produktion oder gar von ihr unabhängig. Keineswegs will man mit Marx wissen, „daß endlich die Verteilungsverhältnisse wesentlich identisch mit diesen Produktionsverhältnissen, eine Kehrseite derselben sind, so daß beide denselben historisch vorübergehenden Charakter teilen.“ (Karl Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, 885)

Das elende Spiel Produktion gegen Zirkulation, jenes, das von der Arbeiterbewegung bis zum Antisemitismus weitgehend Usus ist, wird nicht aufgehoben, sondern lediglich umgekehrt, indem man sich nun bürgerlich-breitbeinig auf den Boden der Zirkulation stellt. Sie schlagen sich also – nicht nur taktisch, sondern ganz praktisch und vor allem prinzipiell – einem Aspekt der Totalität zu. Dreh den Spieß um, schon hast du was anderes in der Hand, ist das Motto. Die Kritiker der verkürzten Kapitalismuskritik verkürzen selbst. Aus dem unsinnigen Kampf für eine antimonopolisitische Demokratie wird nun ein Kampf für das fortgeschrittene Kapital und somit für das Fortschreiten desselben: Für das marktfähige Kapital, gegen das zum Untergang bestimmte! Für die erfolgreichen Nationen, gegen die zu spät und zu kurz gekommenen! Die negative Kapriole ist die neue Parole desselben. Man glaubt fast schon in der neoliberalen Geisterbahn zu sitzen. Und das ist noch steigerbar. Vielleicht wird gar aus „Nieder mit der Zinsknechtschaft! „, „Nieder mit der Spekulation! “ „Kampf den Konzernen! “ ein „Es lebe der Zins“, „Hoch die Spekulation! “ und ein „Lobet die Konzerne! „. Mit uns zieht der kapitalistische Fortschritt.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Handel als Vorschein des Sozialismus erscheint, und der Händler (als Träger der Freiheit des Marktes) als Subjekt der Befreiung überhaupt gilt. Wer etwas gegen das Geschäft als Zwangsform der Kommunikation sagt, meint damit wohl nichts anderes als den Juden.“

AG NTFK 2017:

So haben sich die organisierenden Gruppen in ihren Aufrufen in der Regel weder für die zivilisatorischen Mindeststandards stark gemacht, die gerade vom IS, vom türkischen Autoritarismus oder vom russischen Neoimperialismus zur Disposition gestellt werden, noch haben sie sich auf die Produktionssphäre konzentriert, in der Marx noch die Ursachen des gesellschaftlichen Übels verortete. Stattdessen ließen sie sich über das wenige am Kapitalverhältnis aus, das zumindest als Vorschein eines Besseren zu erkennen ist: über Handel – immerhin wurde schon Wochen vor dem Event angekündigt, den Hafen blockieren zu wollen –, Luxus usw. Schon wollte man sich freuen, dass nach der Kampagne gegen die Europäische Zentralbank in Frankfurt die geradezu obsessiven Schuldzuweisungen an Banker und Politiker ein wenig abebbten, da fand die Globalisierungskritik ihre Gegner erneut schlafwandlerisch in der Zirkulationssphäre: dort, wo der Antisemit traditionell die Juden verortet.

  1. Die mag viele Schwächen haben, sogar so einiges Falsches beinhalten, jedoch nicht den zitierten Abschnitt. Wieso? Weil er wahr ist. Möge auch alles andere an der Polemik falsch sein, das Zitierte ist es nicht. [zurück]

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